CRISP-Cas & Co

Sieben Fragen und Antworten zum Thema
Gentechnik & GVO

Was hat es mit diesem Genmais auf sich, ist CRISPR ein Frühstücksmüsli und warum sollten wir nicht auf die salbungsvollen Worte von Gentechnikkonzernen hören? Dieser Beitrag geht dem gefährlichen Spiel mit unserem Erbgut auf den Grund, das landläufig mit Überbegriffen wie “neue Züchtungstechniken” und “grüne Gentechnik” verharmlost wird. 

I.
Was ist Gentechnik?

Als “gentechnisch veränderte Organismen” – kurz: “GVOs” – bezeichnet man Lebewesen, deren Erbgut mehr oder weniger gezielt verändert wurde. Geschehen diese Eingriffe in die DNA bei Pflanzen, spricht man von grüner Gentechnik. Ein bekanntes Beispiel dafür ist der sogenannte Genmais. Einige – vor allem neuere – Methoden der Gentechnik werden zwar auch in der Humanmedizin eingesetzt, dieser Beitrag konzentriert sich aber auf die Anwendungen in der Landwirtschaft. Hier geht es darum, die Eigenschaften von Pflanzen und Tieren nach Belieben zu verändern. Im Gegensatz zur konventionellen Züchtung werden dabei einzelne Gene ausgetauscht und nicht Lebewesen gleicher Art gekreuzt. Die Informationen auf DNA-Strängen sind allerdings nicht ganz so einfach zu bearbeiten wie Sätze in einem Textprogramm. Mehrere komplexe Methoden stehen dafür zur Auswahl.

II.
Welche Methoden gibt es? 

Dass wir Menschen versuchen, Pflanzen an unsere Bedürfnisse anzupassen, ist kein Trend, der in den letzten Jahren aufgekommen ist: Viel eher haben wir unsere Nutzpflanzen über Generationen durch Züchtung zu dem herangezogen, was sie heute sind. Karotten, zum Beispiel, sahen ursprünglich eher dem ähnlich, was wir heute als Ingwer bezeichnen und Auberginen eher Tomaten (mehr in diesem Video). Diese Methoden zählen aber gesetzlich nicht zur Gentechnik, ebenso wie die klassische Mutagenese, also die Bestrahlung von Pflanzen mit UV-Licht oder Radioaktivität, um zufällige Mutationen hervorzurufen. Das liegt daran, dass diese Methoden schon lange im Einsatz sind und als unbedenklich gelten. Als GVOs angesehen werden nur Organismen, die entweder durch “klassische Gentechnik” oder “Gen-Editing” verändert wurden. Sie unterliegen in der EU strengen Sicherheitsauflagen. Die Unterschiede zwischen den beiden Techniken sind schnell erklärt:

"Klassische Gentechnik"

Hierbei werden neue Gene in die DNA der Pflanze eingebracht und zwar mittels einer sogenannten Genkanone. Diese Kanone wird mit Goldteilchen geladen, an deren Oberfläche sich die DNA-Partikel befinden, die in der Pflanze verankert werden sollen. Das Problem: Diese Technik ist ungefähr so präzise als würde man mit einer echten Kanone auf Spatzen zielen. Nur mit Glück wird das Gen dauerhaft eingebaut. 

Gene Editing

Eine neuere, angeblich präzisere Methode der Gentechnik, die mit sogenannten Gen-Scheren arbeitet. Die bekannteste darunter ist das Protein CRISPR-Cas9, mit dem die DNA an einer vorab festgelegten Stelle zerschnitten werden kann. Dieser Schnitt löst sozusagen einen Alarm aus: Eine Crew aus Reparaturenzymen wird losgeschickt und fügt die DNA wieder zusammen. Wenn die Forscher*innen passende DNA bereitlegen, benutzt sie diese, um die Lücke zu schließen. So können einzelne Eigenschaften präzise verändert werden, behaupten zumindest Wissenschaftler*innen.  

III.
Was kann Gentechnik?

In der grünen Gentechnik geht es darum, Kulturpflanzen herbizid- und/oder pestizidresistent zu machen. Einige dieser GVOs stellen auch selbst Pestizide her. Dabei arbeiten Wissenschaftler*innen hauptsächlich mit Soja, Mais, Baumwolle und Raps, die im System der industriellen Landwirtschaft in riesigen Monokulturen angebaut werden. Durch gentechnisch veränderte Sorten will man sich hier große Mengen an Pestiziden einsparen. Gleichzeitig sollen Pflanzen mittels Gentechnik gegen Trockenheit resistent gemacht werden. So ließen sich die Erträge trotz Klimawandel deutlich steigern, argumentieren Biotech-Konzerne – und das sei notwendig, um die wachsende Weltbevölkerung zu ernähren. Dabei wird geflissentlich ignoriert, dass vierzehn Prozent der produzierten Lebensmittel auf dem Weg vom Acker auf den Tisch weggeworfen werden und endloses Wachstum nicht die Lösung für unser kaputtes Landwirtschaftssystem ist. 

Herbizid- und Pestizidresistenz, die mittels klassischer Genetik erzielt werden, sind allerdings nur zwei von vielen Eigenschaften, die sich in der Theorie verändern lassen. Mit neuen Methoden wie etwa der Gen-Schere sollen noch viel komplexere Anpassungen möglich sein, versprechen Wissenschaftler*innen. In den USA wurde schon 2016 ein gentechnisch veränderter Champignon zugelassen, der aber nur einen genetischen “Vorteil” mitbringt: Er wird mit der Zeit nicht braun. Man hat dem Pilz also die natürlichen Anzeichen für sein Verderben abtrainiert. Brauchen wir das wirklich?

IV.
Ist das ungefährlich?

Dass giftige Pflanzen, die selbst Pestizide produzieren, nicht ganz ungefährlich sind, ist wohl selbsterklärend. Ähnlich steht es auch um das zweite Produkt der klassischen Gentechnik, herbizidtolerante Pflanzen. Sie breiten sich nicht nur unkontrolliert aus – es zeigte sich auch, dass Unkräuter durch den erhöhten Einsatz gegen Spritzmittel immun werden. Es entstanden sogenannte “Superunkräuter”.

Außerdem sind die Methoden der klassischen Gentechnik sehr ungenau: Keine Überraschung, immerhin wird die DNA mittels Genkanone zufällig in die Pflanze eingebracht. Das soll sich mit Gene-Editing ändern, wird zumindest behauptet. Durch CRISPR-Cas9 seien sehr viel präzisere Veränderungen als jemals zuvor möglich, heißt es. Doch das stimmt nicht so ganz: Mit dem Protein CRISPR-Cas kann zwar der Schnitt in die DNA genau gesetzt werden, doch was danach geschieht, ist nicht so leicht steuerbar. Da das Gen den zerstörten DNA-Strang selbst repariert, kann es zu Mutationen kommen, die On-Target-Effects genannt werden.  Das alles unter der Annahme, CRISPR-CAs9 dockt überhaupt an der richtigen Stelle an. Aber es kann auch schon beim Ablesen zu Fehlern kommen: Wenn das Protein einen ähnlichen Teil der DNA als den richtigen erkennt, entstehen sogenannte Off-Target-Effects.

V.
Ist das bei uns erlaubt?

Grundsätzlich sind gentechnisch veränderte Organismen in der EU nicht verboten. Um sie anzubauen, müssen jedoch hohe Sicherheitsauflagen erfüllt werden. Denn in der EU herrscht das Vorsorgeprinzip: Schäden für die Umwelt oder die Gesundheit der Bürger*innen sollen möglichst im Voraus vermieden werden.  

Soweit so gut. Doch, was wenn Gentechnik nicht mehr als Gentechnik gilt? Schon seit einigen Jahren wird heftigst darüber diskutiert, ob Methoden wie CRIPR-Cas9 überhaupt unter die GVO-Regelung der EU fallen sollten. 2018 hat der EuGH schließlich entschieden, dass sie es jedenfalls tun. Große Konzerne lobbyieren seitdem mit aller Macht in die Gegenrichtung – und das offenbar erfolgreich: Im kommenden Frühjahr wird die Kommission entscheiden, ob sie den Ausschluss neuer Gentechnik vorschlagen wird. Die Folgen: Gen-editierte Organismen können ohne Sicherheitsauflagen in unseren Supermarktregalen landen und in der EU angebaut werden. (siehe unser aktueller Blogbeitrag zum Thema „Gentechnik„).  

VI.
Wofür steht Sarah Wiener?

Sarah Wiener ist, was Gentechnik angeht, ganz auf der Seite der Grünen. Deren Position lässt sich wie folgt umreißen:

I. Unerwünschte Nebeneffekte

Auch wenn regelmäßig versucht wird, die Risiken herunterzuspielen: Unser Erbgut ist ein komplexes Netzwerk aus Genen, die im Zusammenspiel funktionieren. Schon eine einzelne Punktmutation an der falschen Stelle kann die Funktion eines ganzes Genes ausschalten, mit möglichen Folgen für den ganzen Organismus. Ein solches Spiel mit dem Feuer darf nicht ohne ausreichende Risikoeinschätzung geschehen. 

II. Gefahr für Biodiversität und Gesundheit

Nur weil Pflanzen immun gegen Herbizide sind oder eigene Pestizide produzieren, heißt das nicht, dass sich der Einsatz dieser Mittel tatsächlich verringert. Teils wurden nur noch mehr Herbizide gespritzt, da diese den Pflanzen nun nichts mehr anhaben konnten. Zudem entwickelten in den USA, wo herbizidtolerante Pflanzen flächendeckend angebaut werden, bald nach der Einführung Unkräuter Immunität gegen das Spritzgift. Es entstanden Superunkräuter. 

Zusätzlich hat es negative Auswirkungen, wenn BT-Pflanzen eigene toxische Substanzen produzieren: Davon können nicht nur Schädlinge sondern auch Nützlinge betroffen sein – und schließlich wir selbst: Einige dieser giftigen Pflanzen können etwa Allergien auslösen.  

III. Ökosysteme sind kein Buchstabensalat!

Ökosysteme sind komplexe Netzwerke, die leichter aus dem Gleichgewicht gebracht werden können, als es den Anschein hat. Das Aussetzen einer genmanipulierten Art könnte ungeahnte Auswirkungen haben, die kaum rückgängig zu machen sind. Wir wissen – vor allem im Bezug auf Gene Editing – viel zu wenig darüber, wie diese Pflanzen in freier Wildbahn agieren, um sie auf unser Ökosystem “loszulassen”. Das steckt also viel hinter der einfachen “Text-Editierung”, von der im Zusammenhang mit neueren GVOs gesprochen wird. 

IV. GVOs sind nicht natürlich!

Immer wieder wird argumentiert, dass die Mutationen, die durch neue Gentechniken hervorgerufen werden, auch auf natürliche Art und Weise geschehen könnten. Gesonderte Risikoabschätzungen und Sicherheitsauflagen seien deshalb nicht nötig, da sich in der Natur ähnliche Prozesse abspielten. Aber wenn Gentechnik “natürlicher Züchtung” ähnlich ist, wieso können GVOs dann patentiert werden, während das für konventionell gezüchtete Pflanzen nicht möglich ist? Das ist das eine. Außerdem zu nennen ist, dass auch neuere Gentechnik mit ihren präzisen Schnitten an den zufälligen Mutationen vorbei arbeitet. Manchmal wird der Organismus sogar an mehreren Stellen gleichzeitig verändert. Das würde in der Natur nicht vorkommen. 

V. Die Macht der Saatgut-Giganten

GVOs nützen vor allem Kleinbauern, die ansonsten den Veränderungen durch den Klimawandel hilflos ausgeliefert wären, argumentieren Großkonzerne. Aber stimmt das? Tatsächlich ist es wahrscheinlicher, dass die Marktkonzentration durch die Patente einiger weniger Firmen auf GVOs nur noch mehr zunehmen wird. Wenn nur wenige “Saatgut-Giganten” die Preise für gentechnisch veränderte Samen diktieren, entsteht eine fatale Abhängigkeit für die Bauern und Bäuerinnen. 

VI. Vorsicht ist besser als Nachsicht

Das Vorsorgeprinzip, das auch in den EU-Verträgen verankert ist, musst jedenfalls eingehalten werden, betonen die europäischen Grünen. Das gilt nicht nur, aber auch im Bezug auf Gentechnik: Wir können eine Technologie, deren Auswirkungen wir nicht verstehen, nicht einfach auf unsere Umwelt loslassen. Jedenfalls nicht, ohne fundierte Risikoanalysen durchzuführen. Hier ist es den Grünen auch wichtig zu betonen, dass diese Analysen unabhängig sein müssen und nicht die Handschrift von Konzernen tragen dürfen. Wenn es um unsere Gesundheit und unsere Lebensmittel geht, können wir uns nicht blind in die Hände von gigantischen Konzernen begeben: Denn dort nimmt man Wörter wie “Nachhaltigkeit” zwar gerne in den Mund, um uns Technologien schmackhaft zu machen, hat aber kein Interesse darin, wirklich die nachhaltige Agrarwende zu schaffen. Schließlich muss es auch in Zukunft einen Absatz für Pestizide geben. 

VII. Gen-Editierung ist auch Gentechnik

Oft wird argumentiert, dass Gene-Editing als präzise und “sichere” Methode nicht unter die Gentechnik-Gesetzgebung der EU fallen solle. Dem widersprechen die europäischen Grünen nachdrücklich! Vor allem bei Gene-Editing handelt es sich um eine neue Technik, die noch nicht genügend erforscht ist, um ohne Risikofolgenabschätzung freigegeben zu werden. Dem gegenüber stehen die Techniken der zufälligen Mutagenese, die zurecht nicht mehr unter die Gesetzgebung fallen: Immerhin werden diese Methoden seit Jahrzehnten angewandt und brachten die meisten Obst- und Gemüsesorten hervor, die heute in Supermärkten zu finden sind. 

VIII. Gene-Drives sind gefährlich!

Gene Drives sind eine neue Methode, um mittels Gen-Schere ganze Populationen zu verändern: Dies könnte etwa eingesetzt werden, um Malaria auszurotten, argumentieren Wissenschaftler*innen. Das mag gut klingen, aber dafür müssten alle Mückenarten, die Krankheiten wie Malaria übertragen, genetisch verändert werden, was unabsehbare Folgen mit sich bringt. Wir verstehen das komplexe Zusammenspiel unseres Ökosystems schlicht nicht gut genug, um solche gravierenden Eingriffe durchzuführen. Das ist nicht mit dem Vorsorgeprinzip der EU vereinbar. 

IX. Tierleid bei Versuchen mit Doppelmuskeltieren

Mittels der neuen Methode “Gene Editing” können nicht nur Pflanzen verändert werden: Forscher*innen testen auch Veränderungen an Tieren. Die meisten dieser Studien führen aber zu sinnlosem Tierleid. So werden zum Beispiel sogenannte “Doppelmuskeltiere” gezüchtet, die ein unkontrolliertes Muskelwachstum aufweisen. Selbst bei Gelingen würde das zusätzliches Leid bedeuten, doch soweit ist die Wissenschaft noch nicht: Die wenigen lebend geborenen Ferkel einer Studie zu “Super-Muskel-Schweinen”, starben wenig später an schweren Gesundheitsproblemen. 

Ähnliches ließ sich bei Kälbern beobachten, die genetisch enthornt wurden: Auch sie starben vor der Geburt oder direkt danach an schweren Organschäden. Ist diese Quälerei gerechtfertigt, nur, weil einige Wissenschaftler*innen an Genen herumspielen wollen? Die europäischen Grünen glauben das nicht. Zudem unterstützt derartige Forschung die weitere Intensivierung eines Landwirtschaftssystems, das es eigentlich abzuschaffen gilt, um die Agrarwende zu schaffen. 

X. Symptome sind nicht gleich Ursachen

Jahr für Jahr wird hektarweise Ackerwüsten in der EU mit hohem Einsatz von Düngemitteln und Pestiziden das letzte bisschen Ertrag abgepresst. Monokulturen mit einigen wenigen Sorten prägen unsere Landschaft, Heckenstreifen zwischen Feldern oder auch nur rote Mohnblumen im Getreide sind selten geworden. Still und leise verschwinden gleichzeitig all die kleinen Lebewesen, die das “System” Acker zu funktionieren braucht: Regenwürmer, Insekten und Bienen. Mit der schwindenden Biodiversität straucheln unsere Ökosysteme.

 

Diese Tatsachen lassen nur einen Schluss zu: Das System der industriellen Landwirtschaft hat ausgedient. Das wird jedoch von Forscher*innen und Großkonzernen offensichtlich ignoriert, die behaupten, Gentechnik sei eine Lösung für das Problem. Eine herbizidresistente Pflanze kann höchstens als symptomatische Behandlung durchgehen, immerhin ändert dieses GVO nichts an den Gründen, warum wir überhaupt so viele Spritzmittel benötigen: Intensive Landwirtschaft und Monokulturen haben unsere Erde ausgelaugt und das Bodenleben verarmt. An den Spritzmitteln starben auch die natürlichen Fressfeinde der Schädlinge, Pflanzen wurden angreifbarer und in weiterer Folge noch mehr gespritzt. Es kann so nicht weitergehen!

VI.
Wie kann ich GVOs vermeiden?

In der EU müssen alle Lebensmittel, die mehr als 0,9 Prozent gentechnisch veränderte Bestandteile enthalten, gekennzeichnet werden. Vorsicht gilt bei tierischen Produkten: Falls hier GVOs verfüttert wurden, muss das nicht gekennzeichnet werden. Deshalb ist das AMA-Gütesiegel, auch wenn es dementsprechende Assoziationen weckt, nicht automatisch gentechnikfrei.

 

Fünf Regeln zum gentechnikfreien Einkauf:

I. Biologisch: Lieber zu Bio-Putenfleisch greifen, um sicherzugehen, dass keine GVOs verfüttert wurden!

II. Regional: Nach Möglichkeit für die Eier vom Nachbarbauern oder der Nachbarbäuerin entscheiden als zum Billigprodukt unbekannter Herkunft!

III. Gekennzeichnet: Auf das “Ohne Gentechnik”-Siegel auf der Produktvorderseite achten!

IV. Frisch: Packerlsuppen und andere Fertigprodukte vermeiden, lieber auf frisches Bio-Gemüse setzen und selbst Suppen kochen!

V. Wenn doch verarbeitet: Wenn sich Fertigprodukte nicht vermeiden lassen, dann genau auf die Herkunft und die verwendeten Zutaten achten!

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