Unser Mikrobiom

Fünf Fragen und Antworten zu unserer Darmflora

Ein jeder ist, was er isst: Billionen von Bakterien in unserem Darm sorgen nicht nur dafür, dass wir verdauen können, sondern halten auch unseren Körper rundum gesund. Ausflug in die faszinierende Welt einer winzigen, aber vollfunktionstüchtigen Apotheke in unserem Verdauungstrakt. 

I.
Was ist das eigentlich?

Beim sogenannten Mikrobiom handelt es sich um Bakterien, genauer gesagt zum Beispiel um die Bakterien in unserem Darm: Ein bis zwei Kilo davon trägt jeder von uns im Schnitt mit sich herum und steht mit all diesen Untermietern in einer symbiotischen Beziehung. Die Bakterien suchen in unserem Darm Schutz und Nahrung und produzieren im Gegenzug Stoffe, die unser Immunsystem stärken. Man kann das Mikrobiom also mit einer kleinen Apotheke im Darm vergleichen.

Bekannt wurde dieser Bakterienwald durch den Molekularbiologen Joshua Lederberg, der den Begriff “Mikrobiom” populär machte. Seit den frühen 2000ern beschäftigen sich Forscher*innen damit, in diesem reichen Bakterienpool eine Inventur vorzunehmen: So entstand etwa das Human Microbiome Project, in dessen Verlauf mehr als 10.000 unterschiedliche Bakterienarten im Darm identifiziert werden konnten.

Ein immer größerer Teil des Mikrobioms ist somit entschlüsselt und liefert Antworten: Etwa auf die Frage, worauf der rasante Anstieg von chronischen Erkrankungen in unserer Gesellschaft zurückzuführen ist. Geforscht wird dazu aber nicht nur in Amerika, auch in Österreich werden schon jährliche Symposien zum Thema abgehalten. Die Forschung zum Mikrobiom ist als wirklich brandaktuell und weitere spannende Erkenntnisse zu erwarten.

Obwohl vom Mikrobiom häufig im Zusammenhang mit unserer Darmflora gesprochen wird, ist damit übrigens nicht zwingend nur das zweite Gehirn in unserem Darm gemeint: Der ursprüngliche Begriff umfasst eigentlich alle Mikroorganismen der Erde, also auch jene Bakterien im Boden, im Wasser und in der Atmosphäre.

II.
Das klingt ja, als ob alles gut wäre?

Schön wär’s, aber mit unserem Mikrobiom geht es bergab: Denn genauso wie die Artenvielfalt unter den Bewohnern im Wald und auf den Feldern abnimmt, lichtet sich auch das Bakteriendickicht in unserem Darm. Nur ist es im Gegensatz zu niedlichen Bienen und Vögeln im Falle unseres Mikrobioms schwierig, diesen Verlust zu visualisieren.

Bemerken tun wir die schwindende Biodiversität in unserem Darm erst an den Folgen: So nimmt zum Beispiel der Anteil an Übergewichtigen in der Bevölkerung stark zu. Auch Krankheiten wie Diabetes und Morbus Crohn treten heutzutage deutlich öfter auf als früher. Und das ist erst der Anfang: Allergien, Asthma, Autoimmunerkrankungen, Arthritis, ja sogar Krebs oder Parkinson könnten in Zusammenhang mit der Gesundheit unseres Mikrobioms stehen. Die Vielfalt unseres Bakterienwaldes im Darm ist also wichtiger als es den Anschein haben mag.

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III.
Warum schwindet unser Mikrobiom?

Zunächst einmal ist das Sterben unseres Mikrobioms wohl auf unseren Lebensstil zurückzuführen. Nicht umsonst ist das Mikrobiom indigener Völker artenreicher als das der westlichen Gesellschaft: Anstatt zu jagen und zu sammeln, haben wir uns in Städten niedergelassen, konsumieren hochverarbeitete Lebensmittel und leiden unter chronischem Stress. Aber nicht nur das: Unser steriler Lebensstil bringt uns auch mit viel weniger Bakterien in Berührung als ursprünglich.

Das beginnt schon bei der Geburt: Denn hier kommen Babys zum ersten Mal mit Bakterienstämmen in Berührung, die den Grundstein für ihr eigenes Mikrobiom legen. Geschieht das nicht, etwa bei einem Kaiserschnitt, kann das Auswirkungen auf die Bakteriengemeinschaft im Darm haben. Denn Studien zeigen, dass sich diese erste Übertragung der mütterlichen Bakterienstämme auf das Kind später nicht mehr ausgleichen lässt. Kaiserschnittkinder haben in der Folge ein erhöhtes Risiko, an Asthma oder Diabetes zu erkranken – und ihre Zahl nimmt stetig zu. In Deutschland entbindet fast jede dritte Frau per Kaiserschnitt.

Auch unsere westliche Ernährung ist nicht gerade förderlich für das Mikrobiom: Wir konsumieren größtenteils hochverarbeitete Lebensmittel, die nicht nur ballaststoffarm, sondern auch mit einer Reihe an chemischen Stoffen angereichert sind. Dazu gehören zum Beispiel die allseits bekannten „E-Nummern“, deren schlechter Einfluss auf das Mikrobiom sogar wissenschaftlich belegt ist: Die Darmbakterien von Mäusen, an die in einer Studie Emulgatoren aus herkömmlichem Speiseeis verfüttert wurden, nahmen stark ab. Auch die natürliche Darmbarriere der Tiere war durchbrochen, was zu Entzündungen und chronischen Krankheiten führen kann.

Zuletzt sind auch Antibiotika ein Grund für die Verarmung unseres Mikrobioms: Kaum überraschend, immerhin wurden Antibiotika dafür entwickelt, Bakterien anzugreifen und unschädlich zu machen. Dabei unterscheiden sie allerdings nicht zwischen den „good cops“ in unserer Darmflora und den „bad cops“, die uns krank machen. Besonders gefährlich ist das für Kinder in ihren ersten beiden Lebensjahren.

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IV.
Was können wir gegen dieses Sterben tun?

Eigentlich ist es ganz einfach. Wir müssen mehr Ballaststoffe zu uns nehmen, denn die sind die Leibspeise der Bakterien in unserem Darm und können das Gleichgewicht des Mikrobioms wieder ins Lot bringen. Forscher*innen raten daher, zumindest 25 verschiedene Obst- und Gemüsesorten in der Woche zu essen. Aber an der Stelle wird es auch schon schwierig: Denn wie viele von uns können überhaupt so viele Sorten aus dem Stegreif aufzählen? Ernährungsbildung und Information sind also das eine.

Das andere ist Eigenverantwortung:  Genauso wie ihr kleine „Wellnesstage“ einlegt, um eurem Körper einmal etwas Gutes zu tun, solltet ihr euch auch um eure Darmflora kümmern. Das heißt: Lieber frische Zutaten einkaufen und selbst kochen. Könnt ihr nicht? Stimmt nicht. Keine Zeit? Kann doch nicht sein. Ein einfaches, vegetarisches Chili mit Zucchini, Auberginen, Mais und Bohnen ist in einer halben Stunde gekocht. Mit frischem Brot ein Gaumenschmaus. Und selbstgekochte Mahlzeiten schmecken oft nicht nur besser: Sie sind im Gegensatz zu Fertigprodukten auch nicht zu sehr mit Zucker, Salz und Fett angereichert und werden damit einer ausgewogenen Ernährung besser gerecht. Bewusster Genuss anstelle von Fast-Food lautet da die Devise. 

Zuletzt ist es aber auch entscheidend, weniger Antibiotika einzusetzen. Studien belegen, dass eine zu häufige Einnahme vor allem bei Kindern schädlich für das Mikrobiom ist – mit Auswirkungen auf den ganzen Körper. Durch den verfrühten Einsatz von Antibiotika können zum Beispiel später Asthmaerkrankungen entstehen. Außerdem wird intensiv an Probiotika geforscht: Denn während Antibiotika die Vielfalt der Darmflora lichten, kann die gezielte Einnahme von bestimmten Bakterien sozusagen den Magen wieder ein wenig aufforsten. 

V.
Was mache ich in diesem Bereich?

Als Köchin und Biolandwirtin hat gesunde Ernährung einen ganz besonderen Stellenwert für mich: Mit meiner Sarah Wiener Stiftung betreibe ich seit über zehn Jahren Ernährungsbildung bei Kindern. Auch in meiner Arbeit als EU-Parlamentarierin konnte das Thema also nicht außen vor bleiben: Obwohl zum Mikrobiom keine Gesetzgebungsverfahren laufen, so haben die Beschlüsse in der Lebensmittelpolitik doch einen großen Einfluss darauf, was letztendlich auf unseren Tellern landet. Für mich ist dabei entscheidend, dass in der Politik stets der ganze Körper mitgedacht wird. Wenn es also um Themen wie Lebensmittelzusatzstoffe, Nährstoffkennzeichnung und sogar Landwirtschaft geht, setze ich mich immer dafür ein, dass die jeweiligen Lösungsansätze auch für unseren Darm bzw. für uns ganzhaitlich gut sind.

Ihr Wollt mehr wissen?

Keine Problem! Ich sammle hier Dokumentationen zum Thema (und komme natürlich nicht umhin, meine eigene Webinar-Reihe weiterzuempfehlen):

arte: Die wunderbare Welt des Mikrobioms

Zum Einstieg unverzichtbar: In dieser Dokumentation spielen die winzigen Bakterienstämme in unserem Darm die große Hauptrolle. Neben Grundlagen über das Mikrobiom geht es vor allem um aktuelle Forschung zum Thema.  

Das Mikrobiom und wir

Letztes Jahr habe ich eine Webinar-Reihe zum Thema „Mikrobiom“ gestartet: Die bisherigen Folgen, in denen es etwa um den Zusammenhang zwischen Mikrobiom und Fettleibigkeit geht, könnt ihr hier nachschauen.

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